mein becher für berlin

Mia Schreiber

Mia engagiert sich begeistert in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit …

Max Schreiber

… und Max natürlich auch, zumindest ab morgen, denn heute hat er leider keine Zeit!

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Upcycling – das Wachsen an Herausforderungen

Die Wiederverwertung von nutzlosen Alltagsgegenständen kann schnell zur Herausforderung werden. Im besten Fall kann man aber mit einem vorzeigbaren Ergebnis ebenso schnell zum Helden werden.

goldene Schale und Stiftbehälter 2017/03/DSC_0594.jpg

Vermutlich haben Kinder das Upcycling erfunden

Es ist herrlich: Meine Liebste und ich sitzen auf dem Balkon und genießen die wärmende Februarsonne, schlürfen aus unseren Allroundbechern ein wenig Kaffee, und dann kommt er, der Vorstoß: „Du hast Recht“, eröffnet sie mir, obwohl ich gerade im Geiste mit Blumenzwiebeln und Erde spiele. Hyazinthen oder Tulpen, beides vielleicht? „Ähm, womit?“, frage ich abwesend.

„Mit dem Upcycling, ich habe da auch schon konkrete Vorstellungen“, ergänzt sie. Wow!, denke ich und sehe meine Frau als Heimwerkerin vor mir. Sie hat bereits Weinkisten zu Regalen umfunktioniert, Blumentopf und Untersetzer verziert, um sie auf dem Schreibtisch als Stiftbecher und Ablage zu nutzen – lange bevor irgendwer vom Upcycling sprach.

Regal aus einer Weinkiste 2017/03/DSC_0601.jpg

Wie vermutet: Das Thema interessiert sie, und sicherlich geht sie bei unserem Sohn in die Ausbildung, der vor einigen Tagen ein mehr oder weniger brauchbares Kork-Floß gebaut hat.

gebasteltes Floß aus Korken 2017/03/DSC_0568.jpg

Auch eine Trommel aus einer Blechdose ist entstanden, aber leider ist sie sehr  – laut! Vermutlich haben Kinder die Wiederverwertung nutzloser Alltagsgegenstände erfunden, überlege ich und ahne nichts, als meine Liebste kurz ins Wohnzimmer verschwindet.

Trommel aus einer Blechdose 2017/03/DSC_0570.jpg

An den eigenen Herausforderungen wachsen

Sie erscheint mit einer Skizze, die in ihrer Ausgestaltung eher einer Höhlenzeichnung gleicht,  und diese Zeichnung zeigt: eine Handtasche. Meine Frau strahlt. „Man sollte schon über den Becherrand schauen, sagst du doch immer. Sieh mal, irgendwie gibt es wirklich so viele Dinge, die nicht in den Müll müssten. Mein alter, schwarzer Jeansrock zum Beispiel. Daraus könnte man doch eine Tasche machen.“ Wer ist man und welcher Jeansrock?, frage ich mich und spüre Verzweiflung in mir aufsteigen.

Und dann folgt sie, die ultimative Anwendung meiner eigenen Waffen gegen mich: „Du hast doch behauptet, man würde an seinen Herausforderungen wachsen, und ich denke, du könntest mir eine Tasche nähen. Aus dem schwarzen Ungetüm.“ Sie weiß, dass ich nähen kann, aber sie hat keine Ahnung, was es bedeutet, Jeansstoff unter der Nadel einer normalen Nähmaschine durchzuziehen. Selbst Schuld, stelle ich fest. Plötzlich erscheint mir der Februar wieder ziemlich kalt, Blumenzwiebeln und Erde lösen sich in meinen Gedanken auf.

Kann man Tiefsee-Monster auch als Upcycling-Ergebnis gelten lassen?

Freitag, der 10. Februar, 21:12 Uhr: Nun liegt der schwarze Jeansrock auf dem Tisch. Ich würde ihm gern ein paar der Bastel-Klebeaugen unseres Sohnes verpassen – fertig wäre ein Tiefsee-Monster mit bedrohlichem Reißverschluss-Maul. Könnte man das auch als Upcycling gelten lassen? Meine Frau sitzt grinsend auf der Couch und ich frage mich, ob es hier um die Wiederverwertung eines zu großen Rocks geht oder um ganz andere Sachverhalte. Mich herauszufordern und zu erleben, wie ich untergehe oder so. Stattdessen nehme ich Haltung an. Tue so, als hätte ich schon genaue Vorstellungen und stelle mich der Herausforderung. Leise beginnt die Nähmaschine zu surren.

Vom Surren der Nähmaschine

Samstag, der 11. Februar, 13:04 Uhr. Die dritte Nadel tritt in den Streik, aber nicht ohne vorher meinen Zeigefinger zu malträtieren. Verhedderte Fäden folgen, ich fluche und zwar ordentlich, denn Frau und Kind sind glücklicherweise zum Einkaufen außer Haus. Wütend werfe ich die Tasche beiseite und koche mir einen Kaffee, der aber nicht in den bunten Allrounder gegossen wird, denn irgendwie erscheint er mir verantwortlich für mein Dilemma zu sein. Seinetwegen befassen wir uns mit diesen Themen.

Dann höre ich den Schlüssel im Türschloss. Seufzend greife ich den Stoffhaufen, der bisher keinen Sinn ergibt und gestehe ein, dass ich große Töne gespuckt habe und aus diesem Grund mein Wochenende mit  Nadel und Faden verbringe. Sollte ich an dieser Aufgabe scheitern, will ich meine Niederlage noch nicht eingestehen. Abermals ertönt das leidige Summen der Nähmaschine.

An den Herausforderungen über sich selbst hinauswachsen

Sonntag, der 12. Februar, 18:54 Uhr: Nahezu im Siegesrausch schneide ich den Faden durch, ziehe mit pflasterverzierten Fingern den Stoff unter der garstigen Nähmaschinennadel hervor und reiße die Tasche in die Höhe! Yes! Yes! Yes!, brüllt es in mir, aber ich lächele nur freundlich. Halte das Werk meiner Frau entgegen, und sie ist – ja: SPRACHLOS! Aber sie ist gewillt zuzugeben, dass sie nicht erwartet hat, dass ich an meiner Aufgabe nicht nur wachse, sondern über mich HINAUSWACHSE. Sie strahlt, packt die Tasche, hängt sie um, spielt an den Reißverschlüssen herum und – staunt!

selbst genähte Tasche aus einem Jeansrock 2017/03/Tasche_I.jpg

Ich sage ihr nicht, dass ich ihr zum Geburtstag im März eigentlich eine teure Handtasche schenken wollte. Nun werde ich ihr vielleicht noch etwas upcyceln. Sohnemann, der Wiederverwertungs-Experte im Haus, kommt hinzu, betrachtet das Ergebnis mühseliger Stunden und sagt: „Echt cool, das ist ja abßeikling!“ Meine Güte, ich bin so stolz, dass ich fast platze. Und während ich die Nähmaschine abschalte, überlege ich, was unser nächstes Projekt werden könnte, denn manchmal ist es – wie Sohnemann immer sagt – „echt cool“, an den eigenen Ideen zu wachsen …

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