mein becher für berlin

Mia Schreiber

Mia engagiert sich begeistert in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit …

Max Schreiber

… und Max natürlich auch, zumindest ab morgen, denn heute hat er leider keine Zeit!

Unter Berliner Bäumen Zurück zum Blog Was kann er denn, der Bambus-Becher?

Über den Becherrand schauen

Vertrinken wir Deutschen den Berliner Baumbestand? Warum ein Bambusbecher diese Frage aufwerfen kann und eine Berliner Durchschnittsfamilie dazu einlädt, über den Becherrand hinauszuschauen.

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NEUGIER: Coffee to go – ein Berliner Thema der Superlative

Mia: Der Kaffee für unterwegs ist ein Berliner Thema, bemerke ich bei meinen ersten Recherchen, denn in der Hauptstadt gehen täglich rund 460.000 Coffee to go über die Ladentheke, die meisten in Einweg-Pappbechern. Pro Jahr werden allein in Berlin 170 Millionen Coffee to go-Becher verbraucht, diese würden übereinander gestapelt einen Turm bilden, der 50 km hoch ist und als Kette vom äußersten West- zum Ostzipfel der Bundeshauptstadt reichen würde.

Erstaunt schüttele ich den Kopf, wie gedankenlos hier Ressourcen verschwendet werden.

BEGEISTERUNG: In Sachen Umwelt unterwegs für „Mein Becher für Berlin“

Das ist doch mal ein wunderbares Zeichen: Ein wiederverwendbarer Coffee to go-Becher aus dem nachwachsenden Rohstoff Bambus setzt ein Zeichen gegen die Müll-Flut und die Verschwendung von Ressourcen, die durch Einwegbecher entsteht. Zudem wird die Kampagne „Stadtbäume für Berlin“ unterstützt. Großartig, denke ich, das ist ganz nach meinem Geschmack. Während eine meiner Kolleginnen in der Redaktion für eine Modezeitschrift Lippenstifte und Wimperntusche testet, bin ich also nun in Sachen Umwelt unterwegs. Auf geht‘s!

ERSTE ZWEIFEL: Selbsttest, ob man zum Zielpublikum des „Coffee to go“-Trends gehört

Beim Weiterlesen bemerke ich, dass die Statistik auch von mir  spricht. Also beginne ich mit den Ergebnissen einer Umfrage, die von der Deutschen Umwelthilfe durchgeführt wurde, einen Selbsttest, der wissenschaftlich nicht haltbar ist, mich aber durchaus aufrüttelt:

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ERTAPPT: Das Zielpublikum und ich

In diesem Moment verstehe ich, dass ICH das klassische Coffee to go-Zielpublikum bin, und fühle mich ertappt. Mein Versuch, mich zu trösten, dass ich nicht wirklich Teil dieses Trends bin, weil ich schätzungsweise auf nur drei Coffee to go pro Monat komme, funktioniert nur den Bruchteil einer Sekunde. Denn damit nutze ich ebenfalls gut 36 Becher im Jahr und rücke dem Berliner Durchschnittsverbrauch pro Kopf sehr nahe. Im Durchschnitt nutzen die Deutschen 34 Becher im Jahr – da bin ich ja tatsächlich bereits übers Ziel hinausgeschossen

FRUST: Vertrinken wir Deutschen gemeinsam – rein rechnerisch – in wenigen Jahren den Berliner Baumbestand?

Pro Jahr werden 43.000 Bäume gefällt, um die Coffee to go-Becher herzustellen, die Deutschland im Jahr verbraucht. Nun beginnt es, in meinem Kopf zu rattern:

In Berlin gibt es 440.000 Stadtbäume.

Heißt das, Deutschland könnte in gut zehn Jahren den Bestand an Berliner Straßenbäumen regelrecht vertrinken – zumindest rein rechnerisch? Nein, vermutlich wären wir schneller, denn einige der Bäume sind Bäumchen, aus denen man vielleicht einen Beutelchen Zahnstocher herstellen könnte, aber kaum einen Becher. Und ich kann es nicht mehr leugnen – anscheinend trage ich aktiv meinen Teil dazu bei.

DOPPELTER FRUST: Disqualifiziert – schon vor dem Start

Erwartungsvoll wende ich mich an meinen Mann, er ist doch meine bessere Hälfte und frage ihn, ob er regelmäßig Coffee to go-Getränke nutzt. Er nickt und meine Hoffnungen schwinden. Wie viele Becher denn da pro Woche zusammenkommen, hake ich nach. Als er acht Kaffee schätzt, fällt mir die Kinnlade herunter, denn ich erinnere mich an die Statistik: Männer trinken rund doppelt so viel Kaffee unterwegs wie Frauen. Mein Mann kommt sogar auf 416 Becher im Jahr und liegt damit massiv über dem durchschnittlichen Becher-Verbrauch der Berliner.

Die Ökobilanz unserer Familie scheint in diesem Moment ruiniert. Im von mir durchgeführten Selbsttest werden nun auch die beiden „Trifft nicht zu“-Kreuze auf „Trifft zu“ geändert. Volle Punktzahl für unsere Familie, Gratulation! Sie haben sich selbst disqualifiziert, hallt es durch meinen Kopf. Vielleicht wäre es doch ganz schön, Lippenstifte und Wimperntusche zu testen? Vermutlich stellt das einen selbst weniger in Frage …

NEUANFANG: Die Challenge beginnt

Als ich kategorisch feststelle, dass sich unser Verhalten ändern muss, sagt mein Mann nur, den Becher müsse ich wohl alleine leeren. Nun lächele ich, aber nicht zu offensichtlich, und erkläre ihm, dass er eine Kleinigkeit wissen müsse: Diese einjährige Begleitung des Projektes solle in der Familie stattfinden, sozusagen als Verbrauchertest, und er dürfe eigene Berichte schreiben. Als ich seinen Gesichtsausdruck sehe, ahne ich, dass dies nicht nur ein Verbrauchertest werden wird, vielmehr ein Härtetest: für den Becher und für uns. Eine regelrechte Challenge zwischen meiner besseren Hälfte und mir. Denn ich habe noch viel vor, und er hat keine Ahnung, was da auf ihn zukommt.

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