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Der Herr der Bäume

Unterwegs mit einem Baumsachverständigen und Gehölzberater, der unter anderem darüber wacht, in welchem Zustand sich Berlins Bäume befinden.

Verwachsene Bäume mit grüner Rinde 2017/03/DSC_0325.jpg

Der Baum – Wohltäter oder Gefahrenquelle?

Es ist ein sonniger Morgen im Februar, und es ist knackig kalt. Im Süden der Stadt ist Dr. Bernd Canitz, ein von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz im Rahmen der Stadtbaumkampagne beauftragter Baumsachverständiger unterwegs. Immer wieder bleibt er stehen, mustert einen Baum vom Wurzelwerk bis zur Krone, umgeht ihn und macht sich dann Notizen. Selbst wenn sich Berlins Natur im Winterschlaf befindet, geht er seiner Arbeit nach. „Der eine bezeichnet einen Baum als Wohltäter der andere – zumindest aus rechtlicher Sicht – als eine Gefahrenquelle“, sagt er. „Ein Baum kann umstürzen oder große Äste verlieren und damit Schäden verursachen. So muss jeder, auf dessen Grund und Boden sich Bäume befinden, für deren sogenannte Verkehrssicherheit sorgen.“ Auch das Land Berlin ist demnach verpflichtet, städtisches und öffentlich zugängliches Grün in Abständen auf seine Verkehrssicherheit zu kontrollieren. Und so ziehen regelmäßig Experten durch die Stadt, die den Zustand der Berliner Bäume mit Sachverstand unter die Lupe nehmen.

 

Straßenbäume haben’s schwer

Einen besonders schweren Stand haben die 440.000 Berliner Straßenbäume  – schlichtweg standortbedingt, weshalb sie nicht so alt werden wie Artgenossen im Wald oder auf freier Flur. Daher müssen immer wieder Bäume gefällt werden. Da die Bezirksämter nicht jeden Baum zeitnah ersetzen können, wird über die Stadtbaum-Kampagne veranlasst, Neupflanzungen vorzunehmen. Wenn diese  im Frühjahr und Herbst anstehen, ist ein unabhängiger Gutachter vor Ort, um die Großbestellung – oft handelt es sich um 500 bis 700 Bäume verschiedenster Art – zu überwachen. Er betreut die Pflanzeneinkäufe in den Baumschulen und ein von der Senatsverwaltung beauftragtes Garten- und Landschaftsbau-Unternehmen kümmert sich anschließend um die Pflanzung.

Nicht jeder Baum darf Wurzeln schlagen

Aber längst nicht jeder Baum darf in Berlin Wurzeln schlagen. Bevor der grüne Nachwuchs eine Baumscheibe sein eigen nennt, muss er zahlreiche Bedingungen erfüllen. „Es gibt verschiedene Gütekriterien, generell werden Hochstämme mit einem Stammumfang von 18-20 Zentimeter ausgewählt“, erklärt er. „Zu starke Stammumfänge werden nicht berücksichtigt, da kleinere Bäume erfahrungsgemäß meist schneller anwachsen. Jeder Baum sollte einen arttypischen Kronenaufbau zeigen und eine bestimmte Aufasthöhe mitbringen, das heißt, der Kronenwuchs darf erst in einer bestimmten Höhe beginnen. Zusätzlich ist in den Entwicklungsjahren des Baumes dann noch ein regelmäßiger Aufbau- und Aufastschnitt notwendig, bis die notwendigen Kriterien in Gänze erfüllt sind. Mit diesen Schnittmaßnahmen wird eine Durchfahrtshöhe für Busse und Autos gewährleistet und auch Fußgänger sollen ungehindert passieren können.“

Die Baumkontrolle ist stets ein Wiedersehen

Schilder zur Kennzeichnung der Bäume 2017/03/DSC_0346.jpg
Kontrolltechnick, um den Zustand der Bäume festzustelln 2017/03/DSC_0337.jpg
Bohrung zur Kontrolle, ob der Baum von innen fault 2017/03/DSC_0332.jpg
Zweige ragen in den Himmel 2017/03/DSC_0305.jpg
Baumsachverständiger erläutert seine Arbeit 2017/03/DSC_0302.jpg

Dr. Canitz ist aber nicht nur im Rahmen der Stadtbaumkampagne unterwegs, er führt auch sogenannte „Baumkontrollen“ durch. Wenn er in der Stadt unterwegs ist, trifft er immer wieder auf alte und neue Bekannte. Wenn er bei wenigen Bäumen nicht mit fachmännischem Blick den Zustand einschätzen kann, muss er Technik einsetzen. Dann holt er auch mal ein Ungetüm aus einem Koffer hervor, das aussieht wie eine Mischung aus Bohrmaschine und Klebepistole, die mit einer an einem dünnen Schaft sitzenden, ausfahrbaren Spitze überrascht. Hiermit nimmt er Bohrungen vor, um zu prüfen, ob ein Baum von innen fault.

Ein Sensor zeichnet dabei den Bohr-Widerstand auf, ein Linienverlauf, den Dr. Canitz binnen Sekunden auszuwerten weiß. Dabei spielen Erfahrung und Wissen um den Baum eine entscheidende Rolle. Bei wenig beeinträchtigten Bäumen reicht eine Einschätzung des Zustandes alle zwei Jahre aus, allerdings achtet er darauf, sie einmal im belaubten und dann wieder im unbelaubten Zustand zu kontrollieren. Akute Fälle werden zum Teil sogar zweimal im Jahr aufgesucht. „Prozesse, die einen Baum schädigen, bis die Standsicherheit beeinträchtigt ist, dauern oft Jahre bis Jahrzehnte“, sagt er. „Der Baum ist erfolgreich darin, sich selbst zu schützen. Er schottet einen Pilzbefall beispielsweise ab, und diese Abwehrreaktion kann so gut funktionieren, dass die Fäule eingeschlossen wird und der Pilz abstirbt. So können manche hohlen Bäume trotzdem 50 bis 80 Jahre stehen bleiben und stabil sein. Man darf nie vergessen, wenn man einen Baum fällen lässt, sind das nicht selten 50 bis 100 Jahre, die der Kettensäge zum Opfer fallen. Selbst wenn man einen neuen Baum pflanzt, sind es erst die folgenden Generationen, die ihn in voller Schönheit und Größe erleben werden.“

Kurz lässt er noch einmal den Blick über das winterlich karge Geäst schweifen und macht sich letzte  Notizen. Er wird veranlassen, dass an diesem Schützling morsche Äste entfernt werden müssen. Dann zieht er, der Herr der Bäume, weiter zum nächsten Wiedersehen mit einem alten oder auch neuen Bekannten.

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